Aufzucht verwaister Igelsäuglinge

Aufzucht verwaister IgelsäuglingeAls Säuglinge bezeichnet man solche Igelbabys, die noch geschlossene Augen und Ohren und oft auch noch kein Fell auf der Bauchseite haben. Igelsäuglinge bis zum Alter von etwa einer Woche besitzen eine rosa Hautfarbe. Werden solche Tiere tagsüber außerhalb ihres Nests gefunden, sind sie mit ziemlicher Sicherheit verwaist und brauchen Hilfe.

Unterbringung:
Als Igelnest eignet sich ein Pappkarton, etwa doppelt so groß wie eine Wärmflasche, oder ein Käfig mit hoher Bodenwanne. Eine mit gut handwarmem Wasser gefüllte Wärmflasche wird mit einem doppelt gefalteten Handtuch bedeckt. Darauf breitet man einige Blätter Küchenpapier aus und setzt die Igelchen darauf. Sie werden mit einem weiteren Handtuch zugedeckt. Die andere Hälfte des Kartons legt man mit so vielen Lagen Zeitungspapier aus, dass kein Absatz zur Wärmflasche entsteht. Die Igelbabys können so in die kühlere Zone kriechen, wenn es ihnen auf der Wärmflasche zu warm wird. Den Inhalt der Wärmflasche wechselt man nach jeder Fütterung.
VORSICHT: Bei der Benützung von Heizkissen, selbst wenn sie auf der kleinsten Stufe betrieben werden, kann es sehr leicht zu einem Wärmestau und damit zur tödlichen Überhitzung der Säuglinge kommen.
Auf Sauberkeit und Hygiene ist größter Wert zu legen. Das Küchenpapier, auf dem die Babys liegen, ist bei jeder Fütterung auszutauschen, auch die Handtücher sollten häufig gewechselt werden.

Ungeziefer:
Flöhe und Zecken sammelt man mit der Pinzette ab. Die Säuglinge dürfen weder gebadet, noch mit Insektiziden behandelt werden. Fliegeneier und -maden - müssen ebenfalls gründlichst manuell entfernt werden. Kleinere Verletzungen der Haut, durch Madenfraß verursacht, heilen meist schnell ab.

Markieren und Wiegen:
Damit die Igelbabys auseinandergehalten werden können, markiert man sie mit einem pfenniggroßen Farbtupfer (z.B. ungiftige Acrylfarbe oder Nagellack) auf den Stachelspitzen an jeweils verschiedenen Stellen. Jeder Igel wird - möglichst auf einer Briefwaage - täglich zur gleichen Zeit, am besten morgens vor der ersten Fütterung, gewogen und sein Gewicht auf einer Liste notiert.

Fütterung:
Igelmuttermilch ist sehr eiweiß- und fettreich, enthält jedoch kaum Milchzucker. Deshalb sind Kuhmilch oder die für Menschenbabys gebräuchlichen Milchpulver für Igelbabys völlig ungeeignet. Sie verursachen Blähbäuche und massive Durchfälle. Als Muttermilch-Ersatz haben sich die Präparate "Esbilac ®" der Firma Albrecht/Aulendorf und - für etwas ältere Säuglinge - "Royal Canin 1st age milk ®" am besten bewährt. Esbilac ® ist nur bei Tierärzten erhältlich. Man füllt einen gestrichenen Teelöffel Milchersatzpulver und zwei Teelöffel ungesüßten Fencheltee in ein kleines Schraubglas und schüttelt die Mischung, bis das Pulver vollständig aufgelöst ist. Die angegebene Menge kann mit einem beliebigen Faktor multipliziert werden, man sollte aber nie mehr Ersatzmilch anrühren, als für zwei Mahlzeiten benötigt wird. Die Nahrung wird immer lauwarm gegeben. Der Mischung kann man einmal täglich für alle Igelchen zusammen einen kleinen Tropfen Vitamin-B-Komplex (vom Tierarzt) beifügen. Alle anderen Vitamine sowie Kalzium (Kalk) sind in Esbilac ® in ausreichender Menge vorhanden. Zusätzliche Vitamingaben können schaden! Wenn eines der beiden Milchersatzpulver nicht sofort erhältlich ist, versorgt man wenige Tage alte Igelbabys kurzzeitig - möglichst nicht länger als einen Tag! - nur mit ungesüßtem Fencheltee. Älteren Säuglingen kann man übergangsweise die laktosereduzierte, z.B. in Supermärkten erhältliche Katzenmilch geben.

Schon bei der Fütterung kleinster Igel verwendet man am besten 2 ml-Plastikspritzen - natürlich ohne Nadel. Die Futterspritzen müssen nach jeder Mahlzeit gründlich und sehr heiß gespült werden, wenn möglich, in der Spülmaschine.

Zur Fütterung wird das Baby mit dem Rücken in die linke Hand gelegt und mit dem Daumen festgehalten. Tritt es mit den Vorderfüßchen gegen den Daumen, so bedeutet das nicht, dass das Tier schon satt ist. Vielmehr regt dieser 'Milchtritt', normalerweise gegen das Gesäuge der Igelmutter gerichtet, deren Milchfluss an.

Die erste Mahlzeit, die man den Igelsäuglingen verabreicht, sollte aus lauwarmem Fenchel- oder Kamillentee bestehen. Dies nicht nur, weil verwaiste Igelbabys oft schon exsikkotisch, also ausgetrocknet sind, sondern weil sich bei der ersten Fütterung durch den noch ungeübten Pfleger das Baby leicht verschlucken kann. Gerät Ersatz-Milch in die Lunge, ist fast immer eine tödliche Lungenentzündung die Folge. Am ersten Tag der Pflege gibt man nur sehr kleine Portionen, um den Babys die Umgewöhnung von der Muttermilch auf die Ersatzmilch zu erleichtern.

Toiletting:
Das bedeutet das Gegenteil vom Füttern! Igelbabys sind noch nicht in der Lage, selbst Kot und Urin abzusetzen. Die Igelmutter beleckt die Bäuchlein und Geschlechtsteile der Babys mit der Zunge und nimmt gleich die Ausscheidungen auf, damit das Nest nicht beschmutzt wird. Vor und/oder nach jeder Mahlzeit muss also der Pfleger mit einem angefeuchteten Finger oder Wattestäbchen Bauch und Aftergegend massieren, bis sich Erfolg einstellt. Finden sich Kot und Urin im Nest, so heißt das nicht, daß Toiletting überflüssig ist, ganz im Gegenteil: Die Babys "müssen" dringend! Solange die Säuglinge mit Ersatzmilch ernährt werden, besteht der Kot aus kleinen, grünen, aneinanderklebenden Kügelchen.

Körperpflege:
Nahrungsreste sowie Kot und Urin reizen die zarte und empfindliche Haut eines wenige Tage alten Babys. Vor und nach jeder Fütterung betupft man die Haut mit etwas Baby-Öl und entfernt Verunreinigungen mit einem weichem, ölgetränkten Papiertuch.

Gewichtszunahme und Futtermenge:
Bis zu einem Gewicht von etwa 90 g sollte die durchschnittliche Gewichtszunahme 4 - 6 g pro Tag betragen. Dies entspricht in etwa der Zunahme, die auch von der Igelmutter gesäugte Babys verzeichnen. Um diese Gewichtszunahme zu erreichen, benötigen die Kleinen innerhalb von 24 Stunden eine Nahrungsmenge, die etwa einem Viertel ihres Körpergewichtes entspricht. Diese Nahrungsmenge wird auf viele kleine Mahlzeiten verteilt. Je nach Alter der Babys füttert man sie tagsüber fünf- bis achtmal und nachts ein- bis zweimal.


Mit freundlicher Genehmigung von Pro Igel e.V. ©
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