"Einschläfern"

Die schnelle Lösung für schwierige Fälle?

Münsterländer © Heinrich ReinkeFolgende alltägliche Probleme in einer Tierarztpraxis:

Dieser kleine Münsterländer sollte eingeschläfert werden. Er hatte Übergewicht, eine Herzschwäche und ein Prostataleiden. Der Hund hatte mehrmals nach dem Besitzer geschnappt, nachdem dessen Sohn und Bezugsperson gestorben war. Eine Tierarztkollegin hat den Münsterländer aufgenommen, medizinisch versorgt und hatte dann noch jahrelang viel Freude an ihm.


Bauernhofkater, 2 Jahre, Hüfte ausgerenkt. Eigentlich notwendige OP relativ teuer, möchte Besitzer nicht bezahlen, obwohl er das Geld an sich hätte; ihm sind eh schon einige Katzen totgefahren worden, da lohnt sich die Investition gar nicht. Warum wir das Tier nicht einfach "einschläfern" können - wie einen Traktor, den man entsorgt, wenn sich eine Reparatur nicht lohnt - versteht er nicht.


Meerschweinchen, Kralle völlig ungepflegt. © Heinrich ReinkeDieses Meerschweinchen war nie beim Tierarzt. Es wurde erst vorgestellt, als der Besitzer das Tier abgeben wollte. Die Krallen waren völlig ungepflegt. Der Tumor hätte längst versorgt werden müssen!

Meerschweinchen mit Tumor. © Heinrich Reinke


Yorkshireterrier, 14 Jahre, etwas gebrechlich aber für sein Alter noch ziemlich fit, darf nicht mit in die neue Wohnung. Die Besitzerin verlangt, daß wir ihn "einschläfern", weil er sich NIE an neue Besitzer gewöhnen wird. Die gelungene Vermittlung alter Tiere zeigt aber: Diese sind viel flexibler sind als wir oft glauben.


Kater, 4 Jahre, Autounfall, Schwanz nicht mehr zu retten, muss amputiert werden. Besitzer haben keine Zeit, das kranke Tier gesund zu pflegen, möchten kein Geld investieren und erst recht keinen Kater ohne Schwanz. Einschläfern!


Meerschweinchen mit Fehlwachstum der Schneidezähne. © Heinrich ReinkeDie unzähligen Meerschweinchen und Kaninchen mit Zahnfehlstellungen. Die Tiere verhungern buchstäblich vor ihrem Futter, weil sie mit solchen Zähnen nicht mehr fressen können und die Besitzer die Tiere nicht vorstellen.
Keine Frage - Therapien und Zahnkorrekturen werden nicht gewünscht, denn das Tier hat ja nur 20 Euro gekostet. Zitat: "Glauben Sie nicht, dass mir die Entscheidung leicht fällt, es kommt mir ganz bestimmt nicht auf das Geld an, Frau Doktor, aber ich möchte, dass Sie es einschläfern."



Leider gibt es genug KollegInnen, die dem Wunsch solcher Besitzer ohne Zögern nachkommen.
Aber es handelt sich hierbei um einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz - ohne vernünftigen Grund darf kein Tier getötet werden! Der Tierbesitzer trägt dabei nicht weniger Schuld als der/die Tierarzt/Tierärztin, und das beschönigende Wort "Einschläfern" ändert nichts daran, dass dem Tier das Leben genommen wird.

Schon seit vielen Jahren ist das Tier vor dem Gesetz keine Sache mehr, jetzt ist der verankert - aber leider ist dies zu vielen Tierbesitzern noch nicht durchgedrungen. Das Tierheim München hat in diesem Jahr alarmierend höhere Zugänge als in den Jahren zuvor. Die Tendenz der Tierbesitzer, Tiere als "Wegwerfware" zu betrachten, steigt also offensichtlich - ein Zeichen unserer Konsumgesellschaft?

So darf es nicht weitergehen!

Wer die Verantwortung für ein Tier übernimmt, muss sich darüber im Klaren sein, dass Tierarztkosten den Anschaffungswert bei weitem übersteigen können - wer sich das nicht leisten kann/will, soll sich kein Tier kaufen, auch nicht "großherzig" aus dem Tierheim holen. Haustiere sind Familienmitglieder und sollten als solche behandelt werden. Auch im Alter oder im Krankheitsfall haben sie ein Recht auf angemessene Betreuung.

Der benötigte "Faktor Zeit" ist nicht unerheblich und sollte stets berücksichtigt werden - ein krankes Tier kann durchaus zur Folge haben, dass man täglich zum Tierarzt fahren oder ggf. auf einen Urlaub verzichten muss.

Sicher gibt es unter Ihnen viele Tierbesitzer, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind und ihr krankes Tier, sofern es einen Chance auf eine angemessene Lebensqualität hat, nicht töten lassen würden. Wenn Sie Freunde/Bekannte mit dem Wunsch auf ein eigenes Haustier entsprechend beraten und auch mit den negativen Seiten konfrontieren, ist schon ein großer Schritt in die richtige Richtung getan!


Autor und Copyright: Dr. med. vet. Martina Kuhtz-Böhnke und Astrid Reinke


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